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Eröffnungsrede Ausstellung im Rahmen des  schwarzweißbunt-Festivals in der VHS Hagen im April 2018

 

Kerstin Hesse

ein doppeltes Vergnügen. Es resultiert aus der Freundschaft zur Künstlerin, die ich seit 27 Jahren als Studierende, Kunstschaffende und Kollegin kenne und schätze, zugleich aus der Faszination, die ich für die zur Ausstellung produzierten Werkserie empfinde.

Ich will bez. der Ausstellung vier verschiedene Aspekte ansprechen und dabei das Wechselspiel zwischen Photographie, kreativer Bildbearbeitung, Sujet und Produktionsprozess thematisieren. Vorrang hat für mich hierbei freilich das Wechselspiel zwischen Porträtierten und der Künstlerin.

In Hegels Begrifflichkeit: es sind zwei widersprüchliche Dimensionen, die sich bedingen und ein faszinierenes Ganzes schaffen. Zum einen sind es die Objekte ihrer künstlerischen Arbeit, die freilich nicht im herkömmlichen sinne Objekte sind sondern Teil des Werkprozesses: die Portraitierten also: wir werden sie über die Photographien kennenlernen. Kerstin nimmt sie ernst, der Prozess ihrer Arbeit lässt sie erkennbar werden, gibt ihnen (im Vorgriff sei es gesagt) Identität, in diesem Prozess verändern sich Perspektiven (bei Kerstin/ bei den „Objekten“/ letztlich bei uns Betrachtern):

Aber systematisch: wir Zentraleuropäer haben die Welt gemäß unserem Appetit und unseren Angsten geordnet und können in der Regel nicht begreifen, was es für einen Ausländer bedeutet, seinen oft illegalen Weg zu unseren Ufern zu nehmen, nach vielen Opfern –Breytenbach sprach einmal in seiner agressiv ironischen Art- nach vielen erlegten Krokodilen. Etwa Numo, aus einem entlegenen Dorf im Tschad, einem altehrwürdigen Land, wo Menschlichkeit noch etwas bedeutete bevor der Krieg, an dem Europäer nicht unschuldig sind, dort einzog. Er floh in der verzweifelten Hoffnung, von Europa aus zum Überleben seines verhungernden Clans beitragen zu können. Werden wir je zugeben, welche Ehre es ist, solche Menschen zu empfangen?

Von seiner natürlichen Umgebung entfernt zu sein heißt, dass einem vorenthalten wird, jemals wieder vollständig zu funktionieren und instinktiv dort hineinzupassen. Keine andere Umgebung kann das gemeinsame und unhinterfragte und daher heimische Gefühl der Zugehörigkeit ersetzen, das aus Gerüchen, Lauten, Gesten und natürlicher Mimikry besteht.

Saba und Melodie stammen aus dem Iran, einem religiös beherrschten Zwangsstaat. Khalil aus Afghanistan, das wir seit Ewigkeiten befreien. Haymanot kommt aus Eritrea, in dem ein „progressives“ Militärregime die einheimischen Bevölkerung versklavt: Am Anfang ist der Herd, das Feuer der Vorfahren, und du bist in diesen Flammen modelliert worden. Du gehörst dorthin, und deswegen gehört es dir. Dann kommt der Bruch, die Flucht über deren Schrecken sie eher schweigen, Trauma hinterlassend.

Welch harte Schule dies für die hier Gestrandeten ist, ist nur schwer nachvollziehbar, die grosse Reise, das Exil, der große Bruch, das (nicht einmal unbedingt materielle) Elend, die Initiation, das Verstümmeln, das, über die Mimikry, sich selbst als ein Teil seiner Umgebung zu denken, den Zugang zu einer tieferen Sichtweise gewährt, und einen Weg ins Bewußtsein bietet. Jetzt kann man für ein paar Jahre, als junge Frau, junger Mann, nie mehr wieder die Bauchmuskeln völlig entspannen. Man lernt mit viel Glück, die Chamäleonskunst des sich-anpassens und wie man sein Gelächter moduliert. Man lernt die Lippen richtig zu benutzen. Fortan bist du zugleich nirgends und überall zu Hause.

Man lernt mit den Fliegen zu leben und aus dem Tod in den Traum zu gleiten. Man lernt etwas über die Schöpfung-weil man kompensieren muß, dass man sich nicht organisch in die Umgebung einfügt- und somit über Transformation und Metamorphose, obwohl man allmählich begreift, dass alles schon seit ewigen Zeiten existiert und die Schöpfung nur eine Umordnung bestehender Bilder sein mag. So beginnt man, das Gefühl von Einklang mit der Welt zu verstehen, wenn auch nur, weil es ein bewusstes Konstrukt geworden ist, von dem man ausgeschlossen ist. Du leistet dir nicht viele Schwächen: sie sind die Andenken an dein Heimatland und deine verstreut über Europa lebende Familie. Du versuchst die wiederkehrenden Depressionen nicht übermächtig werden zu lassen. Du sorgst dafür, dass du härter als „die“ bist, oder lernst es verdammt noch mal, so zu tun als ob. Du besuchst einen Deutschkurs, am RVK oder der Kollwitz, träumst von Arbeit und Einkommen.

In der Fremde löst du nie ganz die geheimnisse finanzieller Transaktionen. Wenn du abgebrannt bist oder die Kleidung nicht mehr ansehnlich ist, bleibst du außer Sichtweise. Du verlangst, respektvoll behandelt zu werden – deine Kanten werden schärfer -, und deine Paranoia nimmt zu-, deine Einschätzung von würdevoller Behandlung wird ein überstraff gespannter Faden.Schließlich sprichst du alle Sprachen mit einem Akzent, selbst die entfernte deiner Kindheit, die du dir für Äußerungen der lLebe und der Wut aufbewahrt hast. Ja, Exil ist eine schwierige Kunst, wie Nazim Hikmet angedeutet hat, fremde Treppen hinauf- und hinuntersteigen.

Das faszinierende an dieser Werkschau: Kerstin bietet diesen Menschen über die Gespräche, über die sich daraus entwickelnden Bilder und über deren kluge Verkoppelungen mit Motiven aus ihrer Herkunft die Chance sie in ihrer Bewegung (von dort zu dem jetzt) abzubilden. Vielleicht ein Stück prekäre Identität, welche das Vergangene integriert, die Herkunft, die Heimat aufnimmt zu finden. Für sie wie für uns.

Was die Künstlerin in die Schichten des Materials eingräbt: sie legt ein wenig das Innere des Menschen frei, gibt antwort auf die unerklärlichen, unbeschreiblichen und unerreichbaren Phänomene humaner Existenz und verkoppelt das Photographierte und konkrete Wirklichkeit. Jean Fautrier: „Keine Kunstform kann Emotionen vermitteln, wenn sie sich nicht mit einem Teil des Realen vermischt.“ Handwerkliche photographische Sicherheit, eine lucide Wahrnehmung der kristallinen Schatten der Biographie, eine mitunter ansteigende Flut von Bitterkeit.

Erneut: Künstlerische Mühen als Versuch, im Horizont komplizierter, traumatischer Lebensgeschichte eine zumindest fragmentarische Identität zu stiften, so prekär und fragil sie auch ausfällt. Ihr gelingt die diffzile Kunst, den Charakter, die Eigenart und die Stimmung eines Menschen herauszuarbeiten und in den Bildern festzuhalten. Sie erinnert mich photographiegeschichtlich an Diane Arbus, weil sie ebenso auf faszinierende Weise sich auf das ungewöhnliche und Fremde in Aussenseitern konzentriert und im Dialog diesen zugleich die Möglichkeit bietet sich zu finden. Ihr konstitutives Mittel, das über die traditionelle Portraitptographie hinausgeht, ist die Bildbearbeitung, ist die Montage von Geschichte im Jetzt, ist der Einbezug von Symbolen/Bildern/Erinnerungen als der Ausgangspunktes der jeweiligen Existenz: ein Dorf im Tschad, der Grosse Bazar in Teheran, eine Landsenke in Eritrea, ein Friedensplatz in Mazar el Sharif.. Sie können es erkunden, wenn Sie sich auf die Photographien einlassen und nachfragen.

Und: die Synthesen -um zu Hegel zurück zu kommen- sind handwerklich und ästhetisch gelungene Bilder, die für mich eine Entdeckung sind.

Ein französischer Philosoph sagte, die Strafe für einen Mann der Frauen liebte (wohlgemerkt liebte) sei, sie immer noch zu lieben. Ich habe mich zeit meines Lebens immer wieder in Kunstobjekte verliebt, die ich noch jetzt verehre als seien sie mein erster Schwarm. Zwei der hier ausgestellten Porträts könnten unter dieses Verdikt fallen.

Hagen, 27. April 2018 Dr. Bernhard Kühmel